Weiter stramm auf Kriegskurs: Verteidigungsminister Guttenberg und sein Amtsvorgänger Jung
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Die Bundeswehrführung hat die Aufklärung des Massakers
vom 4. September bei Kundus monatelang hintertrieben und kritische
Berichte von Feldjägern zurückgehalten. Nachdem die
Vertuschungsaffäre am Mittwoch aufgeflogen war, mußten
Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär
Peter Wichert (CDU) auf Druck von Verteidigungsminister Karl
Theodor zu Guttenberg (CSU) zurücktreten.
In der Nacht zum 4.September hatten zwei US-Kampfbomber auf
Anforderung des Bundeswehroberst Georg Klein zwei von Taliban
entführte Tanklaster in der Nähe von Kundus in
Nordafghanistan bombardiert. Die Fahrzeuge waren in einem
Flußbett steckengeblieben. Dabei starben bis zu 142
Menschen.
Exverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) hatte stets
geäußert, es seien »ausschließlich
terroristische Taliban« getötet worden. Dabei war
deutschen Kräften vor Ort schon am Abend nach dem Bombardement
das Gegenteil klar. Das geht aus Berichten deutscher Feldjäger
und von NATO-Verbündeten hervor, über die Bild
gestern berichtete. Guttenberg bestätigte die Richtigkeit der
Dokumente, die er erst von dem Springer-Blatt erhalten haben
will.
So hatte das deutsche Regionalkommando am 4.September gemeldet, die
Taliban hätten unbewaffnete Dorfbewohner gezwungen, »bei
der Bergung des Benzins zu helfen. 14 von ihnen sind seitdem
verschwunden«. Die Behauptung des verantwortlichen
Bundeswehrobersten, er habe sich über Videoaufnahmen aus einem
der Kampfbomber und über einen Informanten vergewissert,
daß nur Taliban vor Ort seien, wird regelrecht
zerpflückt: Es sei unmöglich gewesen, »anhand der
Bilder die Aussagen des Informanten zu bekräftigen«,
heißt es in einem Bericht von NATO-Verbündeten. Zumal
dieser Spitzel überhaupt nicht am Ort des Geschehens war,
sondern lediglich in Telefonkontakt mit den Rebellen stand.
Am 6. September traf beim Einsatzführungskommando der
Bundeswehr in Potsdam ein Bericht deutscher Feldjäger ein, der
ebenfalls keinen Zweifel daran ließ, daß es zivile Tote
gegeben hatte. Im Krankenhaus Kundus lägen nach dem
Bombardement »sechs Patienten im Alter von zehn bis 20
Jahren«, außerdem »zwei Leichen im
Teenager-Alter«. Ein Militärarzt berichtete von zwei
14jährigen Jungen mit »offenem Bruch« und
»Schrapnell-Verletzungen«, so Bild.
Die Feldjäger stellen fest, der Angriff habe zu
»zahlreichen Toten und Verletzten« geführt,
»ohne daß unmittelbar vor und nach dem Vorfall
adäquat gehandelt wurde«. Schneiderhan soll für die
Zurückhaltung dieser Dokumente verantwortlich sein. Mitte
September war er selbst nach Kundus geeilt und hatte Korpsgeist
eingefordert: Bis zum Ergebnis der juristischen Untersuchung, dem
er offenbar nachhelfen wollte, müsse »man nun standhaft
bleiben«. Gelogen wurde bei dem Massaker von Anfang an:
Oberst Klein hatte die Bomber mit der Falschaussage angefordert, er
habe »direkten Feindkontakt«.
Die Oppositionsparteien wollen nun auch Guttenbergs Vorgänger
Jung, der mittlerweile das Arbeitsministerium leitet, zur
Rechenschaft ziehen. Schneiderhan und Wichert seien nur
»Bauernopfer aus der zweiten Reihe«, sagte der Vizechef
der Linksfraktion, Jan van Aken. Jung sei unfähig oder habe
gelogen – in jedem Fall sei er als Minister untragbar. Linke,
Grüne und SPD kündigten an, einen
Untersuchungsausschuß einzurichten. Auch die FDP forderte
»rückhaltlose Aufklärung«. Jung selbst wollte
gestern abend nach Redaktionsschluß vor den Bundestag treten.
Die hessische Linksfraktion zeigte den Hobbywinzer wegen versuchter
Strafvereitelung im Amt an.