Mit Witz und Methode: Brecht und Hacks – zwei Blicke auf Hegel
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Unter dem Motto »Gute Leute sind überall gut.
Hacks und Brecht« fand am 6. und 7. November in Berlin die
zweite wissenschaftliche Tagung zu Leben und Werk von Peter Hacks
statt. Wir veröffentlichen im folgenden den Vortrag von Dr.
Dieter Kraft, Theologe und verantwortlicher Redakteur der
Halbjahresschrift Topos. Internationale Beiträge zur
dialektischen Theorie. Dieser Text und die anderen Materialien der
von der Peter-Hacks-Gesellschaft veranstalteten Tagung werden im
kommenden Jahr im Aurora Verlag, Berlin, publiziert.
Peter Bäß zum 70. Geburtstag
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
mein Beitrag hat mehrere Probleme. Das erste davon bin ich selber,
denn warum ich als Theologe eingeladen wurde, über die
philosophischen Beziehungen von Brecht und Hacks zu Hegel zu
referieren, kann ich mir nur mit der Assoziation
»Götterolymp« erklären. Hilfsweise vielleicht
noch mit Brechts und Hacks’ ungewöhnlich konsistenter
Bibelhaftung.
Und schon meine erste Frage, die noch relativ harmlos ist und eher
historischer als systematischer Natur, kann ich nicht genau
beantworten. Nämlich die Frage: Welchen Hegel lesen die
– Brecht und Hacks? Natürlich den ganzen Hegel –
wiewohl Hanns Eisler der hohen Meinung war, Brecht habe über
einen solchen Scharfsinn verfügt, daß es ihm gegeben
war, stets nur das zu lesen, was er für seine Arbeit
brauchte.1
Und irgendwann brauchte er Hegels »Phänomenologie«
und die »Ästhetik« und auch die »Philosophie
der Geschichte«, dieses für ihn so »unheimliche
Werk« (BW 26, 330)2. Und spätestens im
»Fatzer« (1926 ff.) ist Hegel ja auch präsent
– mit Marx und Lenin und nicht nur mit dem Stichwort
»dialektische Tragik« (BW 10.1, 468). Aber man kann
sich auch irren. Als Ernst Schumacher an seiner Dissertation
über Brechts frühe Stücke arbeitete und Brecht
begeistert vortrug, daß dieser in »Dickicht«
(1921/22 ff.) die »idealistische dialektik hegels«
»nachgeholt« hätte (BW 27, 339), notierte Brecht
in sein Arbeitsjournal: »dabei kannte ich (...) keine zeile
von hegel« (ebd.). Also irgendwann zwischen 1923 und 1926
dürfen wir den Hegel bei Brecht als Arbeitslektüre
ansetzen. Und wie das bei Hacks aussieht, werden wir bald von
André Thiele erfahren.
Ganz unwesentlich sind solche Datierungen ja nicht, denn sie
spielen hinein in die übergreifende Frage, wie die beiden den
Hegel lesen. Vermittelt oder unvermittelt? Prima vista oder mit
Präjudiz, von Marx – und auch von Engels, was ja noch
etwas anderes wäre. Auch Lenin müßte bedacht sein,
auch mit seiner Überzeugung: Nur wer den Hegel verstanden hat,
kann auch den Marx richtig verstehen3.
Aber nun könnte es auch schon kompliziert werden. Sich Hegel
von Marx erklären zu lassen, Marx aber ohne Hegel nicht
richtig verstehen zu können – da scheint schon ein
handfester Widerspruch auf. Und Hegel wär’s zufrieden.
Denn ohne Widerspruch geht bei ihm bekanntlich gar nichts. Er
könnte sich auch nicht vorstellen, so gänzlich
unvermittelt gelesen zu werden. Es würde sein System
verletzen, zu dem die Kategorie der Vermittlung schon im Ansatz
gehört. Und so bleibt die Frage: Wer wem?
Durch alles hindurch
Für Hegel ist ja Vermittlung ein Gedankenkonstrukt, das zwar
auf die Wirklichkeit zielt und aus ihr erwächst, aber als
systematische Kategorie notwendigerweise abstrakt bleiben
muß. Auf Vermittlungen läßt sich nicht mit dem
Finger zeigen. Ebensowenig, wie sich Widersprüche einfach
lösen lassen. Die müssen schon aufgehoben werden. Und
selbst dann sind sie nicht einfach weg.
Vermittlung, Widerspruch, Aufhebung – wir stecken schon
mitten in der Hegelschen Philosophie, obwohl von der eigentlich
noch gar nicht die Rede war. Jetzt fehlt nur noch der Geist, und
wir könnten das erste Kapitel schon abschließen. Aber
vielleicht ist doch eine Nachbetrachtung vonnöten, Hegel
betreffend im Ensemble einer Philosophiegeschichte, die sich
über die Jahrtausende formiert hat und längst noch nicht
kulminiert. Das wird sie erst am Ende aller Tage. Aber bis dahin
werden Vergewisserungen nachgefragt sein. Schließlich geht es
in der Philosophie um das Leben selbst – von oben
betrachtet.
Das jedenfalls meinten jene, für die man später das
Etikett »Idealismus« drucken ließ.
Großartige Leute, wie man schon an Platon
überprüfen kann. Wir sitzen in einer Höhle und
staunen, daß wir nicht nur staunen können, sondern
schattenhaft sogar die Welt erkennen in ihrem großen Ganzen.
Ein unglaublich eindrucksvolles Geschehen, nur erklärbar
dadurch, daß uns Erkenntnisideen irgendwie angeboten werden,
von wem auch immer – oder eingeboren, wie auch immer. Oder im
Kopf einfach hergestellt. Ich spreche im Zeitraffer und nenne keine
Namen zwischen Platon und Kant.
Nun gab es aber schon immer auch Leute, die es in Höhlen nicht
aushielten und denen bloße Schatten- oder
Transzendentalerkenntnis nicht ausreichte. Die schauten sich die
Welt erst mal von unten an. Und dann sahen sie, daß alles
irgendwie fließt und immer in Streit und Bewegung ist, und
daß man nicht weiß, wie man den Vogel im Fluge zeichnen
soll, und daß die Erde ziemlich hart ist und wohl aus kleinen
Teilchen besteht. Und nachdem der Materialismus geboren ward, zog
sich der Widerstreit durch die Geschichte. Ich kürze wieder ab
und sage: Bis Hegel kam. Der nämlich läßt diese
Alternativität nicht gelten.
Auch bei Hegel spielt sich alles oben im Kopf ab. Wo denn auch
sonst. Wenn wir auf einen empirisch nicht verifizierbaren
Gesamtzusammenhang, also auf Totalität aus sind, dann kann man
sich nicht vom Kopf auf die Füße stellen. Man kann
Totalität nur denken, als Begriff, als Kategorie, als System.
Aber jetzt kommt das für Hegel Besondere. Er fragt
nämlich nicht »Was kann ich wissen?«, sondern
Hegel fragt danach, wie Wissen wird. Das »Werden« ist
sein großes Thema – und in ihm verbindet sich nun der
Blick von oben mit dem Gewordensein von unten. Die
»Phänomenologie des Geistes« hat es mit der Natur
und mit der Geschichte und überhaupt mit allem zu tun. Denn
das Denken entwickelt sich, durch alles hindurch. Und es entwickelt
sich im Algorithmus des Widerspruchs, in steter Bewegung der
Aufhebung von These und Antithese; und Synthese darf sich nur
nennen, was bereits den nächsten Widerspruch gebiert. Und zu
alledem und dieses noch ganz prinzipiell: Alles ist zugleich und
überhaupt in seinem Gegenteil.
Das alles ist bekannt, und doch läßt man sich immer
wieder faszinieren von der unglaublichen Kraft dieser Systematik,
die selbst den Kern der Subjekt-Objekt-Spaltung überwindet,
weil das Wahre eben das Ganze ist.
Geist und Materie
Auch Marx und Engels waren fasziniert, und dann auch Lenin. Wiewohl
eingeschränkt. Doch diese Einschränkung hat es in sich
– und sie hatte zur Folge die wiederum folgenreiche
Vorstellung, daß sich bei Hegel System und Methode separat
beerben ließen. Selbst Lukács und Bloch kamen an
dieser Dichotomie nicht vorbei, die von Marx postuliert wird, weil
er die brillante Hegelsche Dialektik von dem vermeintlich
konservativsten philosophischen System (vgl. Marx/Engels Werke, MEW
2, 203 f.) entbunden wissen will. Das muß er auch, jedenfalls
nach Maßgabe seines Hegelverständnisses. Und das kommt
zu sehr harten Urteilen: Hegel wolle in seiner
»Phänomenologie« »beweisen, daß das
Selbstbewußtsein die einzige und alle Realität«
sei (MEW 2, 204).
Liest man Hegel nicht mit Marx, dann kommt man womöglich zu
dem umgekehrten Urteil. Denn Hegel will doch gerade zeigen,
daß im Selbstbewußtsein »alle
Realität« versammelt ist, daß es
Selbstbewußtsein gar nicht gäbe ohne die vorlaufende
Entwicklung in Natur und Geschichte. Selbstbewußtsein ist
nicht einfach da, es kommt her, und es hat keinen anderen Logos als
den, der ihm voraus ist. Und keineswegs ist bei Hegel »der
Denkprozeß (...) der Demiurg des Wirklichen« (MEW 23,
27) Im Gegenteil. Der Denkprozeß findet in der Wirklichkeit
seinen Demiurgen, die Dialektik des Seins konstituiert das
Bewußtsein des Dialektischen.
Engels war in seiner »Dialektik der Natur« (MEW 20, 305
ff.) ganz nahe dran, diese genuin Hegelsche Erkenntnis aufzunehmen,
um Hegel letztlich aber doch vorzuhalten, er habe die
»Denkgesetze der Natur und Geschichte aufoktroyiert«
(MEW 20, 348), und »die Dinge und ihre Entwicklung«
seien bei ihm nur »die verwirklichten Abbilder der irgendwie
schon vor der Welt existierenden ›Idee‹« (MEW
19, 206). Das kann man von Platon, aber doch nicht von Hegel
behaupten.
Für Hegel ist der sogenannte Geist ja keine von der objektiven
Realität losgelöste, sondern eine sie bestimmende
Kategorie. Eine Kategorie, die die allgemeingültigen
Prinzipien des Seins in seiner dialektischen Bewegung und also in
seiner Struktur und Organisationsform repräsentiert. Und so
gesehen ließe sich sogar sagen: Für Hegel ist der Geist
das Organisationsprinzip der Materie. Daß dieses
Betriebssystem des Seins schließlich auch das
Bewußtsein und also die Struktur und Organisationsform des
Denkens bestimmt und daß mit der dadurch gewordenen
Identität von Sein und Denken nun vom Denken auf das Sein
Rekurs genommen werden kann, genauer gesagt: auf das
übergreifende Organisationsprinzip des Seins – das ist
nun tatsächlich eine grandiose Erkenntnis, die sich durchaus
den Satz leisten darf, in dieser erkannten Identität sei der
absolute Geist zu sich selbst gekommen.
Hegels Philosophie ist eine Retrospektive des Denkens, das sich in
seinem Gewordensein erkennt und sein Werden als Geschichte
entdeckt, die mit der Natur anhebt.
Höher läßt sich vom Denken und also vom Menschen
nicht reden – aber wohl auch nicht bescheidener. Denn alle
Intelligibilität muß nun auf die stolze Behauptung einer
autonomen Subjektivität verzichten.
Daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt,
ist lediglich ein Derivat der Hegelschen Erkenntnis, daß es
kein entbundenes Bewußtsein gibt.
Bewegung denken
Das nun ist freilich ein unglaublich hoher Standpunkt, der eine
Weltsicht bietet, in der sich Freiheit völlig neu bestimmt,
auch weil der Widerspruch von Hause aus ein Wohnrecht hält,
das von oben eingesehen werden kann.
Dieser Perspektive haben sich Brecht und Hacks bemerkbar
unterschiedlich akkommodiert. Vielleicht nicht gegensätzlich,
wohl aber unterschieden in der Wahl des Kontrapunkts und auch des
Cantus Firmus. Geschuldet ist das nicht allein der Differenz der
Zeit und ihrer Zustände. Brecht und Hacks lesen Hegel auf je
ihre Weise. Natürlich auch aufgrund der Differenz der Zeit und
ihrer Zustände.
Das widerspiegelt sich bereits im Zugriff auf das Angebot der
Dialektik. Der ist bei Brecht geradezu spektakulär, und wir
können postum begeistert miterleben, welche Faszination die
Entdeckung des Dialektischen auf ihn ausübte. Aber es ist von
Anfang an eine »materialistische Dialektik«, der
Brechts Lob gilt. Und weil für ihn Materialismus gar nicht
materialistisch genug sein kann, da man ihn, bekanntlich, muß
fühlen und schmecken können (BW 26, 317), hält sich
Brecht die Hegelsche Einbindung der Dialektik in den Weltlauf des
Geistigen auf Distanz. Brecht liest Hegel mit Marx. In einer seiner
Notizen aus den Jahren 1932/33 heißt es denn auch:
»Marx, der die Hegelsche Technik übernimmt, jene
geistreiche Methode, die zu so falschen Resultaten geführt
hat. Während die andern, trostloses Schicksal, die Gedanken
übernahmen und fortan vergeblich sich selbst zu begreifen
suchten, schon deshalb vergeblich, weil sie nichts taten.«
(BW 21, 566)
Über dieses Tun, über Brechts »eingreifendes
Denken« ist vielerorts schon alles gesagt worden. Er selbst
hat es in seinem Verständnis von Philosophie und in
Transformation des Hegelschen »begreifenden Denkens«
(Hegel, Werke 3, 56 f.)4 auf die bündige Formel gebracht:
»Die Philosophie lehrt richtiges Verhalten.« (BW 21,
562) Auch wenn es durchaus eine »erlaubte
Tätigkeit« sei, »mit dem Denken gewisse Proben
anzustellen, die den Materialproben in der Technik gleichen, wo man
Stahl zerreißt, um seine äußerste
Festigkeitsgrenze zu erforschen« (ebd., 563). Aber letztlich
seien Begriffe lediglich – aber immerhin – »die
Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann« (BW 18,
263).
Daß Dinge noch bewegt werden müssen, hat Hegel freilich
nie bestritten, auch wenn ihm gern unterstellt wird, in seiner
»Wissenschaft der Logik« habe er den Telos der
Weltgeschichte verkündet. Die »Wissenschaft der
Logik« schließt aber ganz anders, nämlich mit der
Feststellung: »Es sind noch die zwei Welten im Gegensatze,
die eine ein Reich der Subjektivität in den reinen Räumen
des durchsichtigen Gedankens, die andere ein Reich der
Objektivität in dem Elemente einer äußerlich
mannigfaltigen Wirklichkeit, die ein unaufgeschlossenes Reich der
Finsternis ist.«(Hegel, Werke 6, 544)
Brechts Transformation des »begreifenden Denkens« steht
nicht eigentlich in Opposition zu Hegel, auch wenn er die
»Räume des durchsichtigen Gedankens« so hoch
unmöglich schätzen kann. Metaphysik ist Brechts Sache
nicht. Und Hegel denkt natürlich metaphysisch –
allerdings in des Wortes präziser Bedeutung, nämlich
jenseits jener Kategorien, in denen Empirisches gedanklich
verwaltet wird – und die deshalb niemals auf das Ganze gehen
können.
Für Hegel aber ist der Begriff der Wahrheit erst
eingelöst, wenn es um den »Gesamtzusammenhang«
geht, um ein Wort zu benutzen, das nicht von ihm,
interessanterweise aber von Marx stammt (MEW 19, 207), der
übrigens auch den Begriff der
»Gedankentotalität« geprägt hat (MEW 42, 36).
Ein »Gesamtzusammenhang« aber ist niemals konkret.
Selbst als Wort ist es eine reine Abstraktion. Und obwohl Marx ein
Copyright an diesem schönen Begriff hat, Abstraktionen sind
ihm eigentlich suspekt5. Und Brecht nicht minder. Die Wahrheit
muß konkret sein, sinnlich und geistig erfahrbar, denn nur in
der Konkretion läßt sich der Widerspruch begreifen, der
den Prozeß treibt und die Dialektik in ihrer Bewegung
zeigt.
Aber nun wird es schon wieder kompliziert. Denn
selbstverständlich übernimmt Brecht mit Marx die
Hegelsche Unterscheidung von Wesen und Erscheinung, die
schließlich zum Kern der Dialektik gehört. Damit aber
müssen sich beide nun doch in jenes Reich der Abstraktion
begeben, außerhalb dessen vom »Wesen« gar nicht
gesprochen werden kann. Wesen ist immer ein Abstrahiertes, auch
wenn es sich konkret definieren und also auf den Begriff bringen
läßt.
Brecht hat diese Problematik gesehen. Und er hat sie theatralisch
aufbereitet. Seine Verfremdungen dienen ja nicht nur einer
aufklärerischen Bühnenpädagogik, er versucht, mit
ihnen auch jene Herausforderung zu bewältigen, die ihm die
Dialektik selbst stellt, nämlich das abstrakte Wesen der
Erscheinung zur konkreten Darstellung zu bringen, ohne daß
die Darstellung selbst wieder zur bloßen Erscheinung wird.
Wunderbar gestaltet in der Doppelrolle der Shen Te in »Der
gute Mensch von Sezuan« (1939–41), ein
Paradestück, das das Wesen der Kapital-Gesellschaft in der
Gestalt des fiktiven Onkels (Shui Ta) buchstäblich in
Erscheinung treten läßt, ohne daß der seine
Hintergründigkeit verliert.
Geborene Dialektiker
Brecht hat uns das große Vergnügen bereitet, an seiner
Entdeckung der Dialektik teilhaben zu lassen. Von Hacks wissen wir
da bisher weit weniger. Aber man hat ohnehin immer den Eindruck,
daß beide eigentlich als Dialektiker geboren wurden. Denn sie
präsentieren die »Große Methode« in einer
Genuinität,die fast vergessen macht, daß doch Hegel ihr
Spiritus rector ist. Aber es ist schon so: An Hegel wird niemand
zum Dialektiker, dem der Witz der Dialektik nicht zu Gebote steht,
von Hause aus. Denn Dialektik ist ausgesprochen komisch, weil der
»gesunde Menschenverstand« mit Schlüssen
konfrontiert wird, die er nicht erwartet hat. Brecht hat das in den
»Flüchtlingsgesprächen« auf die Formel
gebracht: »Ich habe ... noch keinen Menschen ohne Humor
getroffen, der die Dialektik des Hegel verstanden hat.« (BW
18, 264) Und kurz vor dieser Stelle läßt er seinen
Ziffel von der »Wissenschaft der Logik« sagen:
»Es ist eines der größten humoristischen Werke der
Weltliteratur« (BW 18, 263). »Den Witz einer Sache
hat« Hegel »die Dialektik genannt. Wie alle
großen Humoristen hat er alles mit todernstem Gesicht
vorgebracht«. (ebd.)
»Wir haben ein System ...«
So listig hat Hacks wohl nie über Hegel gesprochen, und eine
»Methode« war ihm die Dialektik auch nicht. Jedenfalls
kein Instrument, mit dem er umzugehen gedachte, das ihm einsetzbar
erschien. Entdeckerfreude läßt sich bei Hacks auch nicht
ausmachen. Irgendwie ist er ohne Hegel gar nicht zu denken. Brecht
ohne Goethe schon, wenn auch nicht ohne Schiller, vielleicht auch
nicht ohne Luther. An Hegel läßt sich zielgenau
anknüpfen, und Hegel läßt sich auch ordentlich
expropriieren, unter Umständen und teilweise sogar okulieren.
Hacks aber knüpft nicht an Hegel an, er gründet in ihm.
Und wo er sich auf ihn beruft, da klingt das meistens so, als
würde er sich auf sich selbst berufen.
Hegel hat gesagt: Erst kommt das Genre, dann die Gesellschaft.
Punkt. Und von der Akademie-Prominenz der Arbeitsgruppe Dramatik
ringt sich vor 27 Jahren niemand zu einem ordentlichen Widerspruch
durch und fragt: Warum eigentlich? Im Ohr haben alle Hacks’
theophane Einleitung: »So wie bei einem (...) Drama die
Hauptschönheit bereits in seiner Vorgeschichte liegen
muß, so liegt die Hauptschönheit dieser Sitzung bereits
in ihrer Vorgeschichte. Wir alle haben wieder einmal im Hegel
gelesen. Ich glaube, jeder von uns hat sich gewundert, wieviel mehr
der Hegel doch wußte, als wir erinnert haben, daß er
wußte. Wir haben den Donner dieses Gottes der Dramatik
– nicht nur der Dramatik – vernommen …«
(siehe jW-Thema v. 5.7.2008).
Das nun ist freilich ein ganz anderer Ton, als wir ihn von Brecht
zu hören bekommen. Schon gar kein Oberton im Flageolett, eher
ein Grundton, dem sich alles zuzuordnen hat. Und dieser Grundton
ruht auf einem Fundament, das mit einem Hegelschen Zentralbegriff
ausgelegt ist. Und der heißt: »System«. Und Hacks
sagt: »Wir haben ein System: Wir haben ein System, das vom
Drama nicht weniger verlangt als alles. Wir haben ein System, das
kaum etwas vergessen hat. Ich meine, es eignet sich, um uns zu
ermöglichen, daß wir unsere Begriffe klären, unsere
Standorte bestimmen und Vokabeln definieren...« (ebd.)
Bei einem Rhetoriker minderen Formats würde man bei soviel
»System« von Redundanz sprechen. Bei Hacks aber klingt
das geradezu triadisch. Im Kontext geht es um die Systematik des
Dramas, die für Hegel darin bestimmt sein muß,
»zur Kollision hinzustreben« (ebd.). Aber wie für
Hegel so ist auch für Hacks »System« eine
Schlüsselkategorie seiner Ästhetik und des Denkens
überhaupt. System heißt Zusammenhang, und weil, wie
Hegel sagt, »die wahre Gestalt« (Hegel, Werke 3, 14)
der Wahrheit allein im begriffenen Zusammenhang existiert,
trägt allein der Begriff ihre Existenz. Und also deshalb:
»Begriffe klären«, »Vokabeln
definieren«.
Für Hacks sind Begriffe nicht nur »Griffe, mit denen man
die Dinge bewegen kann«. Es sind Zugänge zur Wahrheit in
ihrer Geschichte, mithin also Zugänge auch zur Geschichte
selbst, in der die Dinge, was denn sonst, bewegt werden
müssen. Hier hat Hacks’ penibler Umgang mit dem Wort und
mit der Wahrheit seinen Sitz im Leben. Und er kritisiert
rücksichtslos. Auch Brecht. Weil der »Umfall des
Galilei« in Brechts dritter Fassung eben nicht die Ursache
dafür sei, »daß der Renaissance eine Periode der
Refeudalisierung folgte«, lautet sein Urteil denn auch sehr
harsch: »diese rein wissenschaftliche Unstimmigkeit reicht
aus, um mir die Freude an einem so glänzend gemachten
Stück ganz zu verleiden.« (HW 13, 18)6
Hacks’ Insistieren auf der ganzen Wahrheit des Begriffs und
auf dem Begriff der ganzen Wahrheit ist von einer Ästhetik
getragen, die in nicht weniger als im System der Weltgeschichte
selbst verortet ist. Ein kleinerer Rahmen hält seinen Anspruch
auch nicht aus. Aber dieser gebietet das Bewußtsein einer
Gleichzeitigkeit, in der die Maßstäbe über die
Jahrtausende kommunizieren.
Bezeichnend auch hier die unterschiedliche Hegel-Lektüre von
Brecht und Hacks: Warum soll man nicht mit Galilei einen
moralischen Imperativ verbinden, der historisch zwar nicht gedeckt
ist, dem eingreifenden Denken aber Verbindlichkeit abfordert und
Verantwortung, die allergrößte Dimensionen trägt?
Weil die Weltgeschichte der einzige Zusammenhang ist, in dem sich
der Anspruch der Ästhetik legitimieren kann! Die
Maßgaben der Kunst erwachsen aus der Geschichte und schicken
sich nicht in die Erfordernisse der Zeit. Es sei denn, einer Zeit,
die sich ihrerseits anschickt, Geschichte im allerbesten Sinne
aufzuheben.
Hegel wäre begeistert. Und genau hier setzt auch Hacks’
Verständnis von »Klassik« an, die nicht auf Weimar
fixiert ist, sondern von der Maßgabe des Übergreifenden,
die er freilich, wie bei keinem anderen, bei Goethe findet.
»Goethe beweist, daß Kühnheit des Vorgriffs
unlösbar verbunden ist mit der Kühnheit zu
Rückgriffen.« (HW 13, 231) Hacks geht sogar noch weiter,
denn nicht allein Kühnheit bestimmt den Rückgriff,
sondern Notwendigkeit. Und ohne Adam und Eva wäre selbst diese
nicht gegeben.
1 Hanns Eisler, Gespräche mit Hans Bunge. Fragen Sie mehr
über Brecht, Leipzig 1975, S. 132
2 Brecht wird im Text nach der Werkausgabe zitiert (Band,
Seitenzahl): Große kommentierte Berliner und Frankfurter
Ausgabe, 1988-1998 (30 Bände)
3 Lenin, Werke 38, S. 170
4 Hegel-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band, Seitenzahl):
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1971 (20 Bände)
5 auf den 20 Seiten »Kritik der Hegelschen Dialektik und
Philosophie überhaupt« in Marx’
»Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« (MEW,
Ergänzungsband, Teil1, S.568–588) fallen 102mal die
Worte »Abstraktion«, »abstrakt« –
dezidiert pejorativ
6 alle Hacks-Zitate im Text nach der Werkausgabe (Band,
Seitenzahl): Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003 (15 Bände)
Teil II (und Schluß) erscheint in der morgigen
Ausgabe