Hochhaussiedlung Sonnenallee in Berlin-Neukölln: 2006 privatisiert, seitdem steigen die Mieten
Foto: Christian Ditsch/Version
|
Trotz aller Anstrengungen der Landesregierung, den Bewohnern an der
Spree die Vorzüge des Wohneigentums schmackhaft zu machen
– Berlin ist nach wie vor eine Mieterstadt. Mehr als 85
Prozent der Bevölkerung wohnt zur Miete. Doch weil private
Eigentümer mittlerweile das Baugeschehen bestimmen, der
Sozialwohnungsbau praktisch eingestellt worden ist und der Senat,
insbesondere die seit 2002 amtierende »rot-rote«
Koalition, eine vermieterfreundliche Politik betrieben hat, ist der
Mietwohnungsmarkt in eine erhebliche Schieflage geraten. Die Mieten
steigen kontinuierlich, was aktuell auch von der Wohnungswirtschaft
bestätigt wird.(siehe jW vom 25.11.2009). Gleichzeitig
stagnieren oder fallen die Erwerbseinkommen. Dadurch sind immer
mehr Menschen auf Transferleistungen angewiesen. Die Folge: Mieter
und Wohnungssuchende geraten zunehmend in Bedrängnis.
Immerhin reagieren nun auch SPD und Linkspartei. Mit mehreren
Anträgen, die bei der Sitzung des Abgeordnetenhauses am
heutigen Donnerstag eingebracht werden sollen, versuchen beide
Parteien, erste Korrekturen einer inzwischen selbst als verfehlt
eingeschätzten Wohnungspolitik vorzunehmen. »Eine
Wohnung ist kein Handelsgut wie jedes andere, von dessen Erwerb man
absehen kann oder auch nicht«, heißt es unter anderem
in dem gemeinsamen Antrag der Koalitionsfraktionen. Unter der
Überschrift »Bezahlbare Mieten sichern« fordern
SPD und Linke den Senat auf, ein »mittel- bis langfristiges
Konzept für eine tragbare Mietenpolitik im Sozialen
Wohnungsbau« zu erarbeiten.
Tatsächlich müssen die Berliner einen immer höheren
Anteil ihres zur Verfügung stehenden Einkommens für die
Miete aufbringen. Untersuchungen gehen davon aus, daß dieser
Anteil inzwischen bei weit über einem Drittel des
Haushaltseinkommens liegt. »Es ist eine umfängliche
soziale Entmischung von Wohnquartieren zu befürchten und in
einigen Stadtteilen bereits spürbar«, so Michel
Müller, SPD-Fraktionsvorsitzender im Berliner
Abgeordnetenhaus, zur Begründung des Antrags. Vor allem der
soziale Wohnungsbau werde seiner Rolle, günstigeren Wohnraum
als auf dem frei finanzierten Wohnungsmarkt anzubieten, nicht mehr
gerecht. Für die rund 190000 Wohnungen des ehemals
öffentlich geförderten Wohnungsbaus liegt die
Nettokaltmiete mittlerweile bei einem Wert von durchschnittlich
5,40 Euro (Stand 2008) und damit über dem aller vergleichbaren
Wohnungen. Weil die sogenannte zweite Miete, also die
Betriebskosten, in Teilbereichen der Wohnungsbestände
inzwischen eine erhebliche Größenordnung am
Gesamtmietzins angenommen hat, bestehe auch hier Handlungsbedarf.
Der Senat soll bis März 2010 ein Reformprogramm
vorlegen.
In einem weiteren Antrag von SPD und Linkspartei, sprechen sich
beide Parteien gegen die Pläne der neuen Bundesregierung aus
CDU/CSU und FDP zur Verschärfung des Mietrechts aus. In der
Beschlußfassung, die dem Parlament heute zur Abstimmung
vorliegt, wird vor allem die Absicht nach verkürzten
Kündigungsfristen für Vermieter abgelehnt. Vom Senat wird
eine entsprechende Bundesratsinitiative verlangt, »um gegen
jede Aufweichung der berechtigten Schutzinteressen der Mieter zu
stimmen«, so Uwe Döring, wohnungspolitischer Sprecher
der Linkspartei. Nach den Plänen der Bundesregierung soll
künftig auch für Vermieter nur noch eine dreimonatige
statt wie bisher sechs- bis neunmonatige Kündigungsfrist
gelten.