25.11.2009 / Inland / Seite 2Inhalt

»CDU ist immer auf seiten des Kommerzfunks«

Der ZDF-Verwaltungsrat entscheidet am Freitag, ob Chefredakteur Nikolaus Brender gehen muß. Ein Gespräch mit Thomas Groß

Interview: Gitta Düperthal
Thomas Groß ist Professor für Staatsrecht an der Universität Gießen

Der ZDF-Verwaltungsrat will am Freitag den Vertrag des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender nicht verlängern. Bei der Besetzung dieses Postens gehe es aber keineswegs nur um eine Personalie, sondern um die Gefährdung der Rundfunkfreiheit, argumentieren 35 Verfassungsrechtler in einem offenen Brief. Auch Sie haben unterschrieben – warum?

Mein Anliegen ist, eine gefährliche politische Einflußnahme zu verhindern – es geht um die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens; speziell des ZDF. In unserem Brief zur Debatte heißt es: Es geht schlicht darum, wer beim ZDF das Sagen, wer die Macht hat. Es handelt sich um einen offenkundigen Versuch, einen unabhängigen Journalisten zu verdrängen und den Einfluß der Parteipolitik zu stärken. Damit wird die Angelegenheit zum Verfassungsrechtsfalls und deshalb mischen wir uns ein. Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert die Rundfunkfreiheit als wichtige Säule unseres demokratischen Staatswesens. An dieser sägen gerade einige Mitglieder beim Verwaltungsrat des ZDF.

Die SPD-Politikerin Heide Simonis ist aus Protest gegen den Parteienklüngel bereits 2002 aus dem ZDF-Verwaltungsrat ausgeschieden. Sogar Inhalte würden kontrolliert, kritisierte sie.

Alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten werden von Parteien beeinflußt. Das läßt sich grundsätzlich kaum verhindern. Klar – man könnte die Gremien anders besetzen, das wäre auch besser: Dennoch, bei der Auswahl der Vertreter gesellschaftlich relevanter Gruppierungen trifft es immer wieder Politiker. Natürlich überlegen die, welche Verbände ihnen nahestehen. Das Problem des ZDF ist, daß die Politik dort besonders stark vertreten ist. Ministerpräsidenten können im Verwaltungsrat auf Einzelentscheidungen Einfluß nehmen: beispielsweise auf eine Personalentscheidung wie die Weiterbeschäftigung des Chefredakteurs Nikolaus Brender.

Gibt es keine Alternative?

Das alternative Modell wäre, wie in Großbritannien Experten in die Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu entsenden. Aber die Frage ist doch: Wer ist eigentlich Experte für Rundfunk? Landläufige Erfahrung ist, daß auch die nicht zwangsläufig neutral sind– selbst die britische BBC wird indirekt von der Politik beeinflußt.

Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (SPD), ist Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrats, sein hessischer Kollege Roland Koch (CDU) sein Stellvertreter. Sind wir in Gefahr, ein Staatsfernsehen wie in Italien zu bekommen? Könnten sich dann nach Parteienproporz besetzte Gremien Hofberichte im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sichern?

Im ZDF-Verwaltungsrat sind die meisten Mitglieder keine Berufspolitiker, aber die Ministerpräsidenten haben als Vorsitzende starken Einfluß. Wenn Koch sich darauf beruft, daß angeblich die Quoten im Informationssegment nicht stimmen, muß man wissen: Das Interesse an politischen Nachrichtensendungen geht sowieso zurück, überall – das ist also kein Spezifikum des ZDF. Bekannt ist allerdings, daß die CDU schon seit 25 Jahren versucht, private Sender gegenüber den öffentlich-rechtlichen zu stärken. Sie ist immer auf seiten des Kommerzfunks.

Was wünschen Sie sich an kritischer und unabhängiger Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – was kommt zu kurz?

In politischen Magazinen und Nachrichten geht es darum, ob man nur an der Oberfläche bleibt oder auch Hintergründe verdeutlicht. Es ist leider eher die Ausnahme, daß Journalisten in Interviews mit Politikern, die ihren Fragen ausweichen, gezielt nachhaken. Marietta Slomka vom »heute-journal« des ZDF ist eine der wenigen, die das mitunter konkret deutlich macht, wenn der Interviewte trotz Nachfragens die Antwort schuldig bleibt.

Eines Ihrer Spezialthemen an der Universität Gießen ist Flüchtlingspolitik. Berichtet das Fernsehen darüber auf angemessenem Niveau?

Gelegentlich wird berichtet, wenn es wieder eine Katastrophe mit Booten im Mittelmeer gegeben hat. Selten kommt jedoch zur Sprache, welche Gründe Flüchtlinge veranlassen, nach Europa zu fliehen. Es wird auch selten gefragt, warum so viele Menschen aus Afghanistan flüchten – wo sich doch Deutschland seit acht Jahren dort angeblich um Frieden bemüht.
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