Seit einigen Monaten ist in vielen Medien von einem internen
Dossier der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) die
Rede. Es enthalte hochbrisante Informationen über ein schon
weit vorangeschrittenes Atomwaffenprogramm Irans, heißt es,
die von der IAEA absichtlich zurückgehalten würden. Der
Vorwurf, die iranischen Nuklearpläne zu decken, richtet sich
in erster Linie gegen den Generaldirektor der IAEA, Mohammed
ElBaradei, dessen Amtszeit im Dezember endet. Danach dürften
Leute wie ElBaradeis Stellvertreter Olli Heinonen es sehr viel
leichter haben, die Interessen westlicher Regierungen und
Geheimdienste direkt zu bedienen.
Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete am 19. August, der
IAEA lägen »neue Beweise« über iranische
Atomwaffen vor, die in einem Geheimbericht gesammelt worden seien.
Dem Blatt zufolge würden hochrangige US-amerikanische,
französische, britische und deutsche Beamte Druck auf
ElBaradei ausüben, um ihn zu veranlassen, die angeblich
unterdrückten Informationen in seinen nächsten
offiziellen Vierteljahresbericht aufzunehmen. In dem im September
vorgelegten Bericht des Generaldirektors fanden sich die
gewünschten Behauptungen jedoch nicht. In Interviews machte
ElBaradei deutlich, daß die von westlichen Geheimdiensten an
seine Behörde herangetragenen Informationen nicht seriös
genug seien. Die IAEA erklärte sogar ausdrücklich, sie
habe »keine konkreten Beweise«, daß Iran jemals
an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet habe.
Am 4. Oktober berichtete die New York Times ausführlich
über das angebliche Geheimdossier und nannte auch dessen
Titel: »Mögliche militärische Dimensionen von Irans
Atomprogramm«. Um die Veröffentlichung des Papiers werde
ein immer noch unentschiedener Streit zwischen verschiedenen
Führungspersonen und Abteilungen der IAEA geführt. Zuvor
hatte die Nachrichtenagentur AP am 17. September behauptet, das
Dokument liege ihr vor, und hatte Bruchstücke daraus zitiert.
Zwei Tage vor dem Artikel der New York Times hatte das von David
Albright betriebene Institute for Science and International
Security (ISIS) in Washington angebliche Auszüge aus dem
Dossier auf seinen Internetseiten veröffentlicht. Das formal
regierungsunabhängige Institut ist seit Jahren intensiv damit
beschäftigt, die Existenz eines iranischen Atomwaffenprogramms
nachzuweisen. Die Auszüge geben ISIS zufolge knapp drei Seiten
des über 60 Seiten umfassenden Dokuments wieder. Sie enthalten
nicht explizit die Informationen über angebliche iranische
Versuche zur Herstellung eines nuklearen Gefechtskopfs, über
die erstmals der britische Guardian am 5. November
berichtete.
Hauptquelle der in dem Dossier enthaltenen Vorwürfe gegen Iran
ist laut ISIS immer noch das sogenannte Laptop. Es soll sich dabei
um Informationen handeln, die im Jahr 2005 von der Ehefrau eines
für den deutschen Bundesnachrichtendienst arbeitenden
iranischen Agenten außer Landes geschmuggelt wurden.