Unser Gesprächspartner
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Armin Paasch ist Pressereferent der Menschenrechtsorganisation
FIAN (FoodFirst – Informations- und Aktions-Netzwerk)
Weltweit hungern mehr als eine Milliarde Menschen.
Was hat der von der UNO organisierte dritte
»Welternährungsgipfel« zur Abhilfe beschlossen,
der am Mittwoch in der italienische Hauptstadt zu Ende
ging?
Wir halten die Ergebnisse des Treffens von Rom für eine
Blamage, die Abschlußerklärung ist ein Dokument des
Stillstands – sie enthält keine verbindlichen Zusagen
zur Unterstützung der Hungerbekämpfung. Weder gibt es
konkrete Summen, die für die nachhaltige ländliche
Entwicklung in armen Ländern ausgegeben werden sollen, noch
werden zeitliche Vorgaben gemacht. Aber vor allem werden die
strukturellen Ursachen des Hungers ausgeklammert, etwa der
ungerechte Welthandel oder die massiven Landnahmen in Asien und
Afrika durch ausländische Konzerne und Regierungen. Es soll
zwar Untersuchungen und Dialoge zu Themen wie Spekulationen an den
Rohstoffbörsen oder zur vermehrten Nutzung von Getreide
für Agrartreibstoffe geben, konkrete Gegenmaßnahmen
bleiben jedoch aus.
Neu sind die von Ihnen genannten Probleme nicht. Vieles
davon wurde schon 2008 im Weltagrarbericht des Internationalen
Agrarrats (IAASTD) ausführlich dargestellt. Lag der den
Teilnehmern nicht vor?
Der Bericht wird aus den internationalen Diskussionen systematisch
ausgeklammert. Der Grund dafür ist einfach: Die
vorgeschlagenen Lösungen zielen auf eine strukturelle
Umgestaltung der bisherigen Agrarpolitik – weg vom Einsatz
von Hochtechnologie und Gentechnik, hin zu angepaßten
Anbaumethoden. Das jedoch ist für die Unternehmen der
Ernährungs- und Saatgutindustrie nicht profitabel. Die
Ausgrenzung der am Bericht beteiligten Wissenschaftler halten wir
für einen großen Fehler.
Es wurde beschlossen, die bereits beim G-8-Gipfel in
L’Aquila zugesagten 20 Milliarden Euro bereitzustellen. Wie
sollen diese Gelder verwaltet werden?
Zunächst einmal bewerten wir die Zusage der G8, innerhalb der
nächsten drei Jahre 20 Milliarden Dollar bereitzustellen, als
positiv. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die Koordination
des Fonds allein der Weltbank übertragen wird oder den
demokratischeren UN-Organisationen: Wenn die Weltbank die
Verwaltung übernimmt, haben weder Entwicklungsländer noch
Nichtregierungsorganisationen Einfluß auf die Vergabe der
Gelder. Die Federführung in der Welternährungspolitik
läge dann endgültig in der Hand der Weltbank. Das gerade
erst reformierte UN-Komitee für Welternährungssicherung
wäre ausgebootet.
Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) war mit
dem Gipfel zufrieden. Sie lobte vor allem die ausdrückliche
Bezugnahme auf das Recht auf Nahrung. Was bedeutet
das?
Frau Aigner setzt sich zwar in internationalen Debatten für
das Menschenrecht auf Nahrung ein, in ihrem Verständnis liegt
die Erfüllungsschuld eines solchen Rechts jedoch einzig und
allein bei den Entwicklungsländern, Verpflichtungen für
Industriestaaten werden zurückgewiesen. Diese Position
äußert sich auch konkret in ihrer Politik: Auf der einen
Seite fordert sie von den Entwicklungsländern, ihre
Märkte zu öffnen, auf der anderen stimmt sie der
Wiedereinführung von europäischen Exportsubventionen,
beispielsweise für Milchprodukte, zu. Und genau diese
Kombination aus Marktöffnung im Süden und Agrardumping
durch den Norden war in den vergangenen Jahren ein wichtiger Grund
für die Ruinierung von Kleinbauern durch Importe in
Entwicklungsländern. Wenn diese Politik nicht beendet wird,
dann können auch Entwicklungsgelder diese Schäden nicht
beheben.
Wo müßte aus der Sicht von FIAN konkret
angesetzt werden?
Hungerbekämpfung muß aus Sicht von FIAN insbesondere bei
denen ansetzen, die aktuell vom Hunger betroffen oder bedroht sind.
Das sind in erster Linie Kleinbauern, Nomaden, Indigene, Fischer,
Landarbeiter und Bewohner von Slums. Nötig sind Agrarreformen,
also die Umverteilung des Landes von den Großgrundbesitzern
an Landlose, insbesondere Frauen. Überfällig sind auch
ein Ende des Agrardumpings der Industriestaaten und mehr
Spielräume für Entwicklungsländer, ihre Märkte
gegen die Billigimporte durch Zölle zu schützen.