14.11.2009 / Ansichten / Seite 8
Inhalt
Interner Klassenkampf
Wirtschaftsweise rügen Schwarz-Gelb
Von Klaus Fischer
Regieren dient im allgemeinen der Durchsetzung von Interessen der
herrschenden Klasse. Das gilt unabhängig davon, welche
Parteien in Staaten an der »Macht« sind, die auf dem
Kapitalverhältnis gründen. Doch was ist, wenn sich jene
Herrschenden mal wieder zerstritten in den Haaren liegen wie
derzeit in Deutschland? Da kommen dann die Wirtschaftsweisen und
gießen Öl ins Feuer.
Der Sachverständigenrat ist zu Beginn von Schwarz-Gelb
ungewöhnlich hart mit seinen Brötchengebern ins Gericht
gegangen. Gerügt wurden die geplanten Steuersenkungen. Man
forderte eine solidere Finanzpolitik, monierte die staatlichen
Bankenrettungsversuche, erregte sich über weiter angestrebte
Opel-Hilfen aus Steuermitteln und befand die Erhöhung der
Kinderfreibeträge und des Kindergeldes für drittrangigen
Schnickschnack. Mit beißender Ironie kommentierten die
fünf Regierungsberater die Mehrwertsteuersenkung für
Hotelbetriebe. Wenn man schon glaube, zusätzliche Mittel zur
Verfügung zu haben, sollten diese besser in
Zukunftsinvestitionen eingesetzt werden, so ihr Verdikt.
Im Sachverständigenrat sitzen keine Gelegenheitsrevoluzzer.
Ihre Kritik ist zwar scharf und könnte dazu verleiten, ihnen
spontan Recht zu geben. Doch Vorsicht – außer dem eher
keynesianisch orientierten Peter Bofinger sind die anderen
Ratsmitglieder eher stramme Neoliberale. Was sie tun, ist ein
Angriff auf Westerwelle/Merkel/Seehofer von rechts.
Die hatten versprochen, die Bürger ab 2011 um jährlich 24
Milliarden Euro zu entlasten. Ein Witz, denn richtig geschrieben
müßte das Vorhaben lauten: Wir wollen einen Teil der
Bürger besserstellen. Dieser Teil, Bezieher mittlerer und
höherer Einkommen, potentielle Wähler von Union und FDP
und zumindest im oberen Einkommensbereich durchaus den Herrschenden
zuzurechnen, soll mehr Geld bekommen. Eine klare politische
Vorgabe. Dumm für das neue Dreamteam ist nur, daß eine
beachtliche Gruppe der Kapitalvertreter Nachteile befürchtet,
wenn derartige – sonst in diesen Kreisen eher unstrittige
– Maßnahmen auf Pump finanziert werden. Die Banken
stecken weiter im Verbriefungs- und Kreditausfallsumpf fest.
Kosmetische Maßnahmen wie erlaubte Bilanztricksereien
fruchten kaum, und es sieht bei allen Erfolgsmeldungen immer noch
so aus, als würden die Staatsgarantien bald fällig.
Für die Industrie, das Rückgrat des früheren
Exportweltmeisters, ist eine marode Bankenlandschaft in Verbindung
mit einem klammen Staat ein Horror. Sie wollen den Staat schon aus
Eigennutz nicht zahlungsunfähig sehen, und deshalb gehen ihre
Lobbyisten, zu denen man heute auch die Wirtschaftsweisen rechnen
kann, auf die Barrikade.
Sie fordern höhere Steuern. Und damit es den
Klassenangehörigen nicht wehtut, soll es es eine Erhöhung
der Mehrwertsteuer sein. Umverteilung von unten nach oben ist okay,
sagen die Spitzenökonomen. Man muß es nur richtig
machen.