13.11.2009 / Inland / Seite 4Inhalt

»Polizei soll sich zurückhalten«

Demonstration in Göttingen soll an Tod von Conny Weßmann vor 20 Jahren erinnern

Von Max Eckart
Vor 20 Jahren starb die Studentin Conny Weßmann am Rande eines Polizeieinsatzes in Göttingen. Am 17. November 1989 hatten Antifaschisten in der Stadt gegen Neonazis demonstriert, die Linken wurden von Polizisten verfolgt. »Sollen wir sie jetzt plattmachen?«, fragte einer im Polizeifunk. Die 24jährige Conny Weßmann floh auf die vielbefahrene Weender Landstraße, wurde dort von einem Auto erfaßt und starb an ihren Verletzungen.

An ihren Tod wollen an diesem Samstag zahlreiche Menschen erinnern. Zur Teilnahme an der nicht angemeldeten Demonstration haben Initiativen und autonome Gruppen aus ganz Deutschland aufgerufen. Auf Plakaten, die im Stadtgebiet geklebt wurden, steht: »Vor 20 Jahren wurde Conny von der Polizei in den Tod gejagt.« Die Göttinger »Antifaschistische Linke International« (A.L.I.) nennt in einer Presseerklärung »den Tod unserer Genossin Conny einen politischen Mord, weil das Einsatzkonzept der Polizei Verletzte und Tote billigend in Kauf genommen hat.«

Eine Sprecherin der A.L.I. forderte die Polizei auf, »sich angesichts des Anlasses der bevorstehenden Demonstration und Mahnwache deutlich zurückzuhalten. Alles andere wäre eine unerträgliche Provokation.« Die Grüne Jugend in Göttingen rief die Polizei in einem Brief ebenfalls zur Deeskalation auf. Trotz einer fehlenden Demonstrationsanmeldung solle die Polizei das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit nicht einschränken. Um Ausschreitungen zu vermeiden, bedürfe es der Mitwirkung aller beteiligten Gruppen.

Der Göttinger Stadtrat bat Polizei und Demonstranten um einen friedlichen Verlauf der Demonstration. In einem mit den Stimmen von SPD, Grünen und Linkspartei mehrheitlich verabschiedeten Antrag wird Göttingens Polizeipräsident Hans Wargel zudem aufgefordert, für künftige Einsätze ein zeitgemäßes Deeskalationskonzept zu entwickeln. Es solle sich an Konzepten orientieren, die noch vor wenigen Jahren zum vergleichsweise friedlichen Verlauf vieler großer Demonstrationen beigetragen hätten. Zuletzt hatten behelmte Polizisten viele Demos in der Stadt eng begleitet oder sogar eingekesselt.

Der leitende Göttinger Polizeidirektor Thomas Rath sagte, der Anlaß der Demonstration mache alle Seiten betroffen. Er hoffe auf einen friedlichen Demonstrationsverlauf, in dessen Mittelpunkt die Trauer stehe. Rath geht von einem »größeren und sensiblen« Einsatz aus. Eine friedliche Demonstration werde die Polizei zulassen, bei drohender Gewalt aber einschreiten.

Die Demonstration beginnt am Samstag um 15 Uhr auf dem Göttinger Marktplatz. Auch an den Tagen zuvor und danach sind Veranstaltungen zum 20.Todestag von Conny Weßmann angekündigt. So gibt es heute abend im Jugendzentrum Innenstadt ein Solidaritätskonzert. Am 17. November wird in der Alten Mensa eine Plakat- und Bilderausstellung zur Geschichte des antifaschistischen Protestes in Göttingen eröffnet. Abends soll es eine Mahnwache an der Stelle geben, wo die Studentin vor 20 Jahren starb.
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