12.11.2009 / Inland / Seite 2Inhalt

»Altersarmut betrifft immer mehr Menschen«

Neue Regierung bestraft Rentner durch Nullrunden und höhere Beiträge doppelt und dreifach. Ein Gespräch mit Ulrike Mascher

Von Ralf Wurzbacher
Ulrike Mascher ist ­Präsidentin des Sozial­verbands VDK

Laut Deutscher Rentenversicherung (DRV) müssen sich die 20 Millionen Rentner auf mindestens zwei Nullrunden in den Jahren 2010 und 2011 einstellen. In den Folgejahren sind demnach bestenfalls Minierhöhungen zu erwarten. Was halten Sie von der Prognose?

Das ist natürlich eine bittere Nachricht, zumal vor dem Hintergrund, daß wohl auch bei der Kranken- und der Pflegeversicherung höhere Kosten auf die Rentner zukommen werden. Entsprechende Pläne der neuen Regierung lassen jedenfalls schlimmes befürchten. Hier drohen ältere Menschen doppelt und dreifach bestraft zu werden.

Würde es die sogenannte Rentengarantie der alten Bundesregierung nicht geben, stünden heute bereits Kürzungen an. Müßten Sie der Politik nicht sogar dankbar sein?

Die Rentenpolitik der vergangenen fast 20 Jahre war einseitig auf die Beitragsstabilität ausgerichtet, während das Ziel der Lebensstandardsicherung oder wenigstens der Armutsfestigkeit immer stärker vernachlässigt wurde. Das hat dazu geführt, daß wir schon in den Jahren 2004 bis 2006 Nullrunden hatten und absehbar weitere folgen werden. Tatsächlich verbuchen die Rentner aber seit Jahren ein Minus, weil sie nun auch noch Praxisgebühren, höhere Zuzahlungen bei Medikamenten und weitere Leistungskürzungen in der Krankenversicherung zu verkraften haben. Die Quittung lieferte dieser Tage das Statistische Bundesamt: Von 2007 bis Ende 2008 ist die Zahl der Hilfebezieher im Alter um fast fünf Prozent gestiegen. Altersarmut betrifft also immer mehr Menschen.

Immerhin wurden zur Abwendung von Minusrunden der Riester- und Nachhaltigkeitsfaktor zwei Jahre lang ausgesetzt. Erwarten Sie ähnliche »Rücksichtnahme« auch von der neuen Regierung?

Das muß sich zeigen. Die neue wie zuvor schon die alte Regierung hat jedenfalls angekündigt, die Kürzungen nachzuholen. Alles in allem würden sich diese auf inzwischen vier Prozent belaufen, wodurch das Ausmaß der Altersarmut noch einmal zunehmen dürfte. Ich werte die getroffenen Maßnahmen zur Aussetzung von eigentlich fälligen Rentenkürzungen allerdings als ein leichtes Hoffnungszeichen, daß die Verantwortlichen sich ihrer verfehlten Rentenpolitik langsam bewußt werden. Nötig wären jedoch grundlegende Veränderungen statt ständiger Flickschustereien.

Was schlagen Sie vor?

Wie müssen wieder zurück zu einer dynamischen Rentenanpassung. Dafür müssen die Rentendämpfungsfaktoren wie der Riester- und Nachhaltigkeitsfaktor abgeschafft werden. Die sorgen dafür, daß die Rentner von der Lohnentwicklung abgekoppelt werden und selbst bei wirtschaftlichem Aufschwung Rentenabsenkungen anstehen werden. Daran kann auch die jüngere Generation kein Interesse haben.

An Rentenkürzungen in Krisenzeiten ändert aber auch die Abschaffung der Dämpfungsfaktoren nichts, solange die Rente an die Lohnentwicklung gebunden bleibt. Müßte also nicht noch mehr geschehen?

In der Tat. Die Löhne werden in den nächsten Jahren sinken, sowohl durch die Ausweitung der Kurzarbeit als auch den drohenden Anstieg der Arbeitslosigkeit. Nun gibt es Leute, die sagen, dann sei auch eine Rentenabsenkung nur gerecht. Dazu gehöre ich nicht. Ich plädiere dafür, den steuerfinanzierten Anteil in der Gesetzlichen Rente zu erhöhen, eben weil es darum gehen muß, weitere Alterarmut zu vermeiden. Dazu zwei konkrete Vorschläge: Die Beiträge für ALG-II-Bezieher müssen aus Steuermitteln nachhaltig erhöht werden. Denn heute erwächst aus einem Jahr ALG-II ein Rentenertrag von 2,17 Euro. Zum zweiten braucht es eine Höherbewertung der Beiträge von geringfügig und im Niedriglohnbereich Beschäftigten. Das gab es schon einmal im deutschen Rentenrecht und zwar unter der Bezeichnung Rente nach Mindesteinkommen. Dabei wurden die Beiträge zum Beispiel von Frauen in sogenannten Leichtlohngruppen auf das Niveau von 75 Prozent des allgemeinen Durchschnittslohns aufgestockt, auch wenn sie weniger verdienten.

Aber Sie erwarten doch nicht, daß die Privatisierungsfans von Union und FDP Sie erhören werden?

Soll ich richtige Forderungen nicht stellen, weil die falschen Leute an der Macht sind? Und außerdem gibt auch in der CDU Stimmen, etwa von NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann, die anmahnen, die Rente zumindest wieder armutsfest zu machen.
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Rentendiebe Die Enteignung der Alten

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