Proteste gegen Neonaziaufmarsch in Berlin, 10. Oktober
Foto: Christian Ditsch/Version
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Die Pläne der Bundesregierung, aus Programmen gegen
Neofaschismus Programme gegen Extremismus zu machen, haben
Fachleute als hochgefährlich kritisiert. In einer
Stellungnahme, die am Mittwoch von zehn Professoren aus den Sparten
Soziologie und Politik verbreitet wurde, wird das geplante
»Extremismusbekämpfungsprogramm« als
»folgenreiche Realitätsverleugnung« und als
Ermutigung für Neonazis bezeichnet. Zu den Autoren
gehören Christoph Butterwegge und Fabian Virchow, die
zahlreiche Arbeiten zum Thema veröffentlicht haben.
Die von der Bundesregierung geförderten Programme gegen
Neofaschismus auf Bundes- und kommunaler Ebene sollen künftig
»Extremismus jeder Art, seien es Links- oder
Rechtsextremismus, Antisemitismus oder Islamismus«,
bekämpfen. Das haben die Regierungsparteien im
Koalitionsvertrag vereinbart. Mangels einer finanziellen
Aufstockung bedeutet das zwangläufig weniger Geld für
Aktivitäten und Initiativen gegen rechts.
Die Regierungspläne wurden schon unmittelbar nach
Bekanntwerden von den Oppositionsparteien kritisiert. Im Papier der
Professoren wird nun ausgeführt, die Gleichsetzung von Rechts-
und Linksextremismus sei eine »Rückkehr in die
Denkschablonen des Kalten Krieges«. Die Unterstellung,
»alle drei Extremismen« seien gleichermaßen
gefährlich, entspreche nicht der Realität. So sei
»nicht erkennbar, daß sich ein gewaltförmiger
Linksextremismus ausbreitet und etabliert, der demokratische und
menschenrechtliche Grundsätze ablehnt.« Auch der
»Islamismus« dürfe nicht überbewertet werden:
Antidemokratische Tendenzen seien »nur unter einer kleinen
Minderheit muslimischer Jugendlicher verbreitet.« Hingegen
hätten Neonazis in den letzten 16 Jahren 141 Menschen
umgebracht. Die rechte Bedrohung sei unverändert hoch, die
Autoren verweisen auf eine Verjüngung der Neonaziszene in Form
von »Kameradschaften« und auf die
NPD-Stammwählerschaft.
Die bisherigen Programme widmen sich pädagogischen
Maßnahmen vor allem unter Jugendlichen, der Förderung
»zivilgesellschaftlicher« Initiativen und dem Gewinnen
von Aussteigern aus der rechten Szene. Auch ein Fonds zur
Entschädigung von Opfern rechter Gewalt ist eingerichtet. Es
gebe »keinen Grund«, hieran zu sparen, heißt es
in dem Papier der Wissenschaftler.
Setzt sich die Regierung durch, würden am Ende die Linken
bekämpft: Es sei zu befürchten, »daß nun jene
Gruppen, die sich entschieden gegen rechtsextreme Landnahmen wenden
und oft mit dem Etikett Antifa belegt werden, selbst zum Objekt von
Extremismusprogrammen gemacht werden« – eine Praxis,
die Polizei und Verfassungsschutz längst anwenden. Eine solche
Politik sei »ein ungewolltes bzw. fahrlässiges Signal an
die extreme Rechte«, warnen die Forscher: Diese
müßten sie »geradezu als Mut machende Geste«
verstehen.
In der gestrigen Bundestagssitzung griff die innenpolitische
Sprecherin der Linksfraktion Ulla Jelpke die Stellungnahme auf. Sie
forderte die Bundesregierung dazu auf, ihr »ideologisches
Schattenboxen« einzustellen, sonst bekämen die Neonazis
Oberwasser. Es könne nicht sein, daß die Koalition aus
CDU/CSU und FDP statt sich dem Problem der Gewalt von rechts
anzunehmen, die Verhinderung der Verklärung der DDR als
schärfste Waffe im Kampf gegen Extremismus bezeichnet, so
Jelpke.